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Vaterländische Rede von Günter Schulz 5.Juni 2010


Das Ehrenamt in unserem Vaterland

in dieser festlich geschmückten Schützenhalle wimmelt es geradezu von ehrenamtlich Tätigen. Alle Bereiche unserer Gesellschaft sind hier vertreten: die Politik, der Sport, die sozialen Organisationen und natürlich auch Traditionsvereine wie unser Fischer-Amt und die Gilden. Wenn ich sie alle aufzählen würde – ich käme mit meiner Redezeit nicht aus. Später werde ich einige Organisationen erwähnen, weil sie mir mit ihrer Aufgabenstellung für unsere Jugend besonders am Herzen liegen.

Der höchste Ehrenamtler aus unserem Neustadt ist übrigens unser BV Sönke Sela. Wir haben aber auch ein paar hauptamtlich Tätige – also Amtsträger unter uns: Herrn Probst Dr. Kramer – Herrn BM Reimann – Herrn Erster Polizei-HK Block, Leiter der Polizeizentralstation Neustadt. Aber zumindest die Kirche und der BM kommen ohne ehrenamtlichen Beistand nicht ganz aus. Die Satzungen der Kirche und der Gemeinde sehen vor, dass demokratisch gewählte Gremien - der Kirchenvorstand und die Stadtverordnetenversammlung - sie in ihrer Arbeit unterstützen. Das Ehrenamt beschränkt sich aber keineswegs auf die kommunale Ebene. Auch im Kreistag wird ehrenamtlich zum Wohle der Bürger gestritten – allerdings nicht immer zum Wohle der Neustädter Bürger. Auf Landes- und Bundesebene und für internationale Organisationen wie z.B. UNICEF bringt das Ehrenamt nicht nur Arbeit und Verantwortung – es ist auch teilweise recht großzügig ausgestattet. Man reist 1. Klasse und die Aufwandsentschädigungen polstern den Lebensstandard der Akteure recht komfortabel ab.
In politischen Sonntagsreden und manchmal auch in Reden am Neujahrstag wird den Bürgern überzeugend vermittelt, dass ohne die ehrenamtlichen Tätigkeiten von Millionen Mitbürgern unsere Gesellschaft – unser Vaterland nicht funktionieren würde. Davon sind auch wir alle überzeugt. - Wir Neustädter Schützenbrüder wissen aber auch, dass wir ohne die harte Arbeit unseres ehrenamtlichen Vorstandes für unseren Schützenhof, ohne die vielen Stunden zähen Verhandelns - manchmal auch mit Frust und kurz vor dem Hinschmeißen – dieses Vogelschießen heute nicht gefeiert werden könnte. Dafür sage ich von dieser Stelle noch einmal Dank und Anerkennung!
Zurück zum Thema: Was verstehen wir eigentlich unter „Ehre“? Wie wurde der Begriff früher im Laufe der Geschichte und wie wird er heute definiert? - Auf dem Schlachtfeld der Ehre für Volk und Vaterland usw - usw – hoffentlich aber nie wieder. Im Nationalsozialismus wurde der Begriff „Ehre“ grob missbraucht. In Meyer's Lexikon von 1937 ist zu lesen: „Ehre ist bedingt durch die Art, durch das Blut.“ - Im Klartext: nur Arier hatten Ehre – alle anderen Menschen waren ehrlos – eine unvorstellbare, menschenverachtende Anmaßung.
Heute definieren wir den Begriff in etwa als „Achtungswürdigkeit einer Person“. Wenn wir einem verstorbenen Gildebruder durch unsere Teilnahme an der Trauerfeier die letzte Ehre erweisen, dann würdigen wir damit die Person des Verstorbenen. Der Begriff „Würde“ hat heute für uns eine zentrale Bedeutung. Im Art. 1 Abs. 1 unseres GG – also an erster Stelle - steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ - Obwohl die Begriffe „Ehre“ und „Würde“ mit meinem Themenbegriff „Ehrenamt“ nicht unmittelbar zu verbinden sind, kam es mir darauf an, dazu einige erklärende Worte zu sagen. Ich gehe später noch einmal darauf ein.
Das Ehrenamt wird definiert als ein ehrenvolles und freiwilliges, öffentliches Amt, das nicht auf Entlohnung ausgerichtet ist. Man leistet es für eine bestimmte Dauer - z.B. wie unsere Stadtverordneten für eine Wahlperiode. Heute wird Ehrenamt auch gleichbedeutend mit Begriffen wie „Freiwilligenarbeit“ oder „Bürgerschaftliches Engagement“ verwendet. Das Ehrenamt hat es in unserer Geschichte immer gegeben. Ein Grieche – wohl gemerkt nicht aus der heutigen Zeit – sondern der Athener Perikles formulierte schon vor 2500 Jahren wie folgt: „Wer an den Dingen des Landes keinen Anteil nimmt, ist kein stiller – sondern ein schlechter Bürger“. Präsident Kennedy hat vor fast 50 Jahren in seiner Amtsantrittsrede – uns allen bekannt – Ähnliches ausgedrückt. Er sagte: „Meine amerikanischen Mitbürger, fragt nicht, was Amerika für Euch tun wird – fragt, was Ihr für Euer Land tun könnt.“ Und er setzte noch einen drauf, als er sagte: „Meine Mitbürger in der Welt, fragt nicht, was Amerika für Euch tun wird – sondern fragt, was wir zusammen für die Freiheit und Würde des Menschen - „für die Freiheit und Würde des Menschen“ tun können.“ Das Leben wird also vom „Geben und Nehmen“ bestimmt – wobei das Geben an erster Stelle steht. Jeder hier im Saal mag für sich die Frage beantworten, ob das heute in unserem Vaterland auch noch so zutrifft.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde – 1945 nach dem Ende des Krieges gab es in Deutschland ca. 7 Mio mehr Frauen als Männer. Sie wurden Kriegerwitwen oder Trümmerfrauen, aber nie Alleinerziehende genannt. Dass viele von ihnen Kinder hatten, die sie durchbringen mussten, war damals sozialpolitisch Nebensache. Für diese Frauen waren ihre vaterlosen Kinder aber immer die Hauptsache. In den schweren, entbehrungsreichen Nachkriegswintern haben diese Menschen unter heute unvorstellbaren Entbehrungen gelitten. Und trotzdem haben alle diese Kriegskinder einen Beruf gelernt. Es ist meine Generation – es sind die älteren Handwerksmeister, Ingenieure und Kaufleute, die hier nach einem erfolgreichen Berufsleben im Saal sitzen. Sie haben mit ihrer Leistung nach diesem furchtbaren Krieg unser Vaterland wieder aufgebaut.
Und wie sieht es heute aus? - Die überwiegende Zahl der Familien erzieht ihre Kinder streng und fürsorglich. Sie arbeiten mit den Schulen vertrauensvoll zusammen, wählen die für das Kind angemessene Schulform und bereiten ihre Sprösslinge auf das berufliche Leben vor. Über diese Gruppe rede ich hier nicht. Ich rede auch nicht von unseren jüngeren Mitgliedern aller Berufsgruppen, die mit ihren Familien unser Gildeleben bereichern. - Mir geht es um die viel zu große Zahl derjenigen Kinder und Jugendlichen, die trotz Rundumfürsorge, Kindereinzelzimmer und elektronischer Vollausstattung den Start in ein würdevolles, erfolgreiches Leben leider nicht schaffen. Was sind die Gründe dafür? Ich maße mir hier keineswegs an, dafür einen sozial- und bildungspolitischen Katalog von Argumenten aufzustellen. Ich suche ganz einfach nach Erklärungen, wie jeder aufgeschlossene Bürger auch, der Anteil am Geschehen in seinem Lande nimmt. - Ganz oben auf der Agenda unserer Regierung steht: Der Schwerpunkt für Deutschlands Zukunftsfähigkeit liegt bei Bildung und Forschung. Einige Politiker bezweifeln aber bereits, ob mit noch mehr Geld für das System Bildung die gesteckten Ziele erreicht werden können. Tausende von Lehrstellen bleiben im Lande mit zunehmender Tendenz unbesetzt, weil leider viele Schulabgänger nicht ausbildungsfähig oder auch nicht ausbildungswillig sind. M.E. sind die Ursachen vielschichtig – oft fängt es im Elternhaus - in der Familie an und hört keineswegs in der Schule auf. Zur Ehrenrettung der Schule darf nicht unerwähnt bleiben, dass änderungswütige Bildungspolitiker das System Schule auch nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Frage, ob mit den aktuellen Lehrplänen wirklich die Pflichten und Forderungen des zukünftigen Lebens der jungen Menschen abgedeckt werden, können andere fundierter beantworten. Mir scheint aber, dass unser gesellschaftliches System das Problem der unzureichenden Lebensvorbereitung vieler Jugendlicher nicht lösen kann. - Dabei brauchen wir doch jeden einzelnen jungen Menschen, nicht nur um den Wohlstand in unserem Vaterland zu erhalten und unsere Renten zu sichern – sondern noch wichtiger: jedem Menschen einen würdigen Platz in unserer Gesellschaft zu vermitteln. Leider fallen immer noch zu viele unserer Heranwachsenden auf das Gerede so mancher „Gutmenschen“ herein, sie sollten an den Erfolg in ihrem Leben glauben – falsch: sie müssen dafür arbeiten! Das Abdriften in ein soziales Loch aufgrund mangelhafter Erziehung, Bildung und Ausbildung dürfen wir in unserer Gesellschaft einfach nicht hinnehmen.
Und was hat das alles mit dem Ehrenamt zu tun? - In Deutschland engagieren sich ca. 25 Mio Menschen ehrenamtlich in allen Bereichen unserer Gesellschaft. Ich meine, dass es mit Blick auf unsere Gesamtbevölkerungszahl von ca. 80 Mio noch genug freies Potential gibt, um sich für die wichtigste Gruppe – unsere Jugend einzusetzen. Auch in Neustadt gibt es vor allem ältere, gesunde Menschen mit freier Zeit, die von der Gesellschaft für ihre eigene Entwicklung viel erhalten haben und nun etwas zurückgeben sollten. Ehrenamtlich engagierte Menschen können unter Anleitung und mit viel persönlicher Zuwendung durchaus gewisse Vernachlässigungen in der Familie der Kinder ausgleichen. Sie können mit ihrer Lebenserfahrung aber auch Hoffnungen und Talente wecken, sowie Tugenden und Werte vermitteln, die für die berufliche Ausbildung und das Bestehen im Leben so wichtig sind. Dabei bin ich mir durchaus bewusst, dass auch noch mehr ehrenamtliche Mitarbeit das Problem insgesamt nicht wird lösen können. Wir können es aber mindern. - Z.B. durch Mitarbeit im Kinderschutzbund. Ein großes Projekt der Neustädter Gruppe ist die Integration Rußlanddeutscher und ihrer Kinder. Das Projekt läuft erfolgreich. Es könnte aber noch wirkungsvoller sein, wenn mehr Ehrenamtler z.B. bei einfachen Schulaufgaben helfen würden. Dabei könnten auch Werte wie Fleiß, Ordnungssinn und Pflichtbewusstsein ganz nebenbei vermittelt werden. Andere Werte und Tugenden werden bei der Feuerwehr und in unseren Sportvereinen abverlangt. Gehorsam mit Einsicht, Härte vor allem gegen sich selbst, Mut, Zuverlässigkeit und besonders bei der Feuerwehr Verantwortung für das Gemeinwohl. Im Mannschaftssport kommen Teamgeist und Disziplin hinzu.
Ich weiß, dass dieser Katalog sehr anspruchsvoll ist. Aber warum nicht anfangen zu arbeiten und das Ergebnis danach bewerten. Wenn wir nur einigen der jungen Männer und Frauen, die oft schon vormittags antriebslos in den Cafes am Markt sitzen, helfen könnten, in ein selbstbestimmtes Leben zu finden, dann hätte sich unser Einsatz gelohnt.

Ich komme zum Schluss. - Wir singen gleich mit berechtigtem Stolz unsere Nationalhymne. „Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand“ Erlauben Sie mir, diese Textstelle etwas frei zu interpretieren. Die Einigkeit mit unseren Mitmenschen – egal woher sie kommen – egal wer sie sind, reflektiert auch die gegenseitige Wertschätzung und Achtung vor der Würde des anderen. Jeder Mensch in unserem Vaterland hat das Recht auf Erziehung und Bildung, um die Herausforderungen des Lebens überhaupt meistern zu können. Wenn das gesellschaftliche System dieses Recht unseren jungen Menschen nicht ausreichend gewähren kann, dann sind wir – die Gemeinschaft – dazu aufgefordert, Lücken mit ehrenamtlichem Engagement schließen zu helfen. Ein sehr hohes Gut ist schließlich die individuelle Freiheit mit allen Möglichkeiten, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten und in der Gesellschaft glücklich zusammen zu leben.
Wenn unser BV und der Vorsitzende des Gewerbevereins – unser Schützenbruder Uwe Muchow eine Initiative starten sollten, das Ehrenamt in Neustadt weiter zu stärken, dann bin ich dabei - wie viele andere auch.

Ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben.



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